Die wichtige Rolle der Pfarrerschaft in der Friedensbewegung in Württemberg

Württemberg war in den 1980er Jahren ein Kristallisationspunkt der Friedensbewegung. Mutlangen, Heilbronn, Großengstingen und Neu-Ulm standen für die vielfältigen Proteste und Demonstrationen gegen die geplante Stationierung der amerikanischen  Pershing II-Raketen. Blockaden, Friedensdemonstrationen, eine Menschenkette zwischen Stuttgart und Neu-Ulm bestimmten das Bild. Pfarrerinnen und Pfarrer spielten dabei eine wichtige Rolle. Dies zeigt ein Aufsatz von Ulrich Schmitthenner, der in einem aktuellen Sammelband zur Geschichte der württembergischen Pfarrerschaft erschienen ist.

„In der Friedensbewegung hatte und hat die Pfarrerschaft einen bedeutenden Anteil bei Initiativen, bei der Ermöglichung von öffentlicher Diskussion, in der Moderation, im Einstehen für Gewaltlosigkeit. Es mag sich meist um eine Minderheit handelt, aber um eine wirkmächtige“, konstatiert Ulrich Schmitthenner, selbst lange Jahre als Pfarrer in Württemberg tätig, zur Rolle der Pfarrerschaft in dieser Zeit.

Schmitthenner verweist dabei auf die schon nach dem Zweiten Weltkrieg beginnende Debatte um die Wiederbewaffnung, die Wehrpflicht oder die Unterstützung von Kriegsdienstverweigerern durch Seelsorger. 1977 gründete sich auf Initiative des württembergischen Pfarrers Werner Dierlamm aus Fellbach die ökumenische Initiative „Ohne Rüstung leben“, dem wenig später der Arbeitskreis „Sicherung des Friedens“ folgte, der die Nachrüstung weiterhin ethisch für gerechtfertigt hielt.

Immer wieder führte die Teilnahme von Pfarrern, ob mit oder ohne Talar, an Demonstrationen oder Aktionen für Auseinandersetzungen in der württembergischen Landeskirche, aber auch in der Landespolitik. Die Kirchliche Bruderschaft, die sich in der Tradition der Bekennenden Kirche und des Stuttgarter Schuldbekenntnisses sah, richtete 1984 ein „Wort an die Gemeinden“, dass die Erklärung zu „Frieden und Gerechtigkeit“ der Ökumenischen Versammlung 1983 in Vancouver aufgriff. Der württembergische Oberkirchenrat forderte daraufhin die Pfarrerinnen und Pfarrer auf, dieses Wort nicht in den Gottesdiensten zu verlesen. Kontroversen wurden über den Artikel 16 des Augsburger Bekenntnisses, wonach Christen „rechtmäßig Kriege führen“ können, ausgetragen.

All dies wird von Ulrich Schmitthenner in seinem Artikel nochmals in Erinnerung gerufen. Er selbst, der aus einem württembergischen Pfarrhaus stammt und dessen Vater mit anderen Pfarrern 1938 das vom Landesbischof geforderte Gelöbnis auf Hitler verweigerte, lebte damals mit anderen Pfarrern in einer Kommunität. 1982 gründete der den „Oekumenischen Informationsdienst“ mit den Schwerpunkten „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“, er beteiligte sich an den Protestaktionen der Friedensbewegung, war in Genf beim Ökumenischen Rat der Kirchen an der Vorbereitung der Weltkonvokation für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung beteiligt und nahm anschließend eine Pfarrstelle in Schwäbisch Gmünd an, in fußläufiger Entfernung zu Mutlangen, wo er sich regelmäßig an Gottesdiensten beteiligt. In ihm spricht so ein Zeitzeuge, der die damaligen Ereignisse hautnah miterlebte, aber auch mit gestaltete. Bis 2012 war er in der württembergischen Kirche für Kriegsdienstverweigerer und Friedensarbeit zuständig.

Für ihn ist die Notwendigkeit der (kirchlichen) Friedensbewegung mit Ende des Kalten Krieges aber nicht beendet. Auch nach der Aussetzung der Wehrplicht gebe es weiterhin situative Kriegsdienstverweigerer, die der Anerkennung bedürfen. Angesichts von Auslandseinsätzen der Bundeswehr und der Werbung um Soldaten rücke auch die Friedenserziehung an Schulen wieder ins Rampenlicht. Und noch immer noch würden Atomwaffen in Deutschland, in Büchel, lagern. „Pfarrer*innen und Friedensbewegung werden auch in Zukunft einander nicht aus den Augen lassen können“, ist Ulrich Schmitthenner überzeugt. Dass die württembergischen Pfarrer dabei durchaus in einer großen Tradition stehen, zeigt ein anderer Beitrag in diesem lesenswerten Buch. Tilman M. Schröder erinnert in seinem Artikel „,Friedenshetzer und ,Kriegsverlängerer´ - Der Erste Weltkrieg (1914-1918)“ an den Pazifisten und Stuttgarter Pfarrer Otto Umfrid, der sich in der Deutschen Friedensgesellschaft engagierte.
(Dieter Junker).

Hartmut Zweigle (Hrsg.): Zwischen Beständigkeit und Wandel. Die württembergische Pfarrerschaft in Geschichte und Gegenwart. (= Kleine Schriften des Vereins für Württembergische Kirchengeschichte, Nr. 23), Stuttgart 2017 (ISBN 978-3-944051-12-3). Das Buch ist im Handel oder über den Verein für Württembergische Kirchengeschichte (archiv [at] elk-wue.de (archiv [at] elk-wue.de)) zum Preis von 25 Euro erhältlich.