EAK Rundbrief April 2017

2017 – das Wahljahr erfordert Konfliktkompetenz

„Konfliktkompetenz“ meint nicht, widerstreitende Interessen unter den Teppich zu kehren. „Konfliktkompetenz“ meint auch nicht, aus einem Streit immer als Siegerin oder Sieger hervorzugehen. „Konfliktkompetenz“ hat eine evolutive Komponente des Überlebens. In diesem (Wahl-)Jahr bestimmen die Themen Bedrohung, innere Sicherheit, Resilienz, Überlebensfähigkeit zur Genüge nicht nur die Medien, sondern auch unsere Köpfe.

„Konfliktkompetenz“ hat aber auch eine andere, eine ethisch-moralische Komponente. Hierzu dient zur Orientierung in einem Streit im Umgang mit der eigenen und der anderen Person beispielsweise die “Goldene Regel” („Was Ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch Ihnen“), die in den meisten Religionen explizit formuliert ist[1]. Diese Grundregel differenziert sich in vier Aspekten aus:

  • Universalität (Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetz werden sollte),
  • Unparteilichkeit (Du sollst an dich selbst genau dieselben sittlichen Maßstäbe anlegen, die du auch an andere anlegst),
  • Rollentausch (Behandle die anderen so, wie du es für ihre Pflicht hieltest, dich zu behandeln, befändest du dich in ihrer Lage),
  • Einfühlungsregel (Behandle die anderen so, wie du von ihnen behandelt werden wolltest, befändest du dich in ihrer Lage).

Nachhaltiges und ethisches Lernen einer Streitkultur braucht darüber hinaus Erlebnis, Betroffenheit, Empathie und daraus reflektierte und verinnerlichte moralische Erfahrung.

Für die globale Praxis des Streitens bedeutet dies, sich daran messen zu lassen, inwieweit sowohl von Verarmung, Klimawandel und Ausbeutung Betroffene, als auch diejenigen, die das Privileg besitzen, über ihren Lebensstil und ihr Handeln zu entscheiden, in eine bewegliche Situation des gegenseitigen Aushandelns von Bedürfnissen und Interessen gebracht werden können. Nun wäre es zynisch, den gerade in Lateinamerika geprägten Begriff der „Befreiung“ durch den des „Gegenseitigen Aushandelns“ ersetzen zu wollen, nehmen wir die weltweiten und jeweils nationalen Machtkonstellationen ernst. Doch muss nicht gerade im Hinblick auf die Uneinnehmbarkeit der Festungen der Macht Konflikt- und auch Solidaritätsarbeit heißen, für die eigenen (existentiellen) Bedürfnisse und Interessen zu werben, Verbündete zu gewinnen und andererseits gerade eben diese Festungen der Macht aufzuweichen, indem Kategorien der Menschlichkeit, Universalität und Gotteskindschaft in Gemeinschaft erlebt werden?

Ostern 2017 - Wolfgang Burggraf M. A.
Geschäftsführer der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden, Bonn

 


[1] Parallele und kulturübergreifende Überlieferungslinien der Goldenen Regel: Altorientalische Weisheit: „Sohn, was dir übel erscheint, tue deinem Mitmenschen nicht an. Was immer du willst, dass dir es die Menschen tun, das tue du allen.“ (Armenischer Achiqar A II, 88 und B 53; Merten Rabenau: Studien zum Buch Tobit. 1. Auflage. Walter de Gruyter, 1994, S. 56, Fußnote 177.)
Bahai‐Religion: „Bürdet keiner Seele eine Last auf, die ihr selber nicht tragen wollt, und wünscht niemandem, was ihr euch selbst nicht wünscht. Dies ist mein bester Rat für euch, wolltet ihr ihn doch beherzigen.“ (Baha’u’llah: Ährenlese. Bahai‐Verlag, Hofheim‐Langenhain 2003, S. 144)
Buddhismus: „Ein Zustand, der nicht angenehm oder erfreulich für mich ist, soll es auch nicht für ihn sein; und ein Zustand, der nicht angenehm oder erfreulich für mich ist, wie kann ich ihn einem anderen zumuten?“ (Samyutta Nikaya V, 353.35 /354.2)
Christentum: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihr ihnen ebenso“. (Matthäus 7,12; Lukas 6,31)
Griechisch‐römische Antike: „Tut anderen Menschen nicht an, worüber ihr empört wäret, wenn ihr es selbst erfahren müsstet. Was immer ihr mit Worten verurteilt, dies setzt auch niemals in die Tat um.“ (Isokrates: Rede des Nikokles an die Zyprioten. 3,61. Zitiert nach: Kai Brodersen (Hrsg.): Christine Ley‐Hutton (Übersetzerin): Isokrates. Sämtliche Werke. Band I. Reden I‐VIII. S. 42.)
Hinduismus: „Man sollte sich gegenüber anderen nicht in einer Weise benehmen, die für einen selbst unangenehm ist; das ist das Wesen der Moral“. (Mahabharata XIII, 114,8)
Islam: „Keiner von euch ist ein Gläubiger, solange er nicht seinem Bruder wünscht, was er sich selber wünscht“. (40 Hadithe (Sprüche Muhammads) von an‐Nawawi, 13)
Jainismus: „Gleichgültig gegenüber weltlichen Dingen sollte der Mensch wandeln und alle Geschöpfe in der Welt behandeln, wie er selbst behandelt sein möchte“. (Sutrakritanga I.11.33)
Judentum: „Tue nicht anderen, was du nicht willst, dass sie dir tun“. (Rabbi Hillel, Sabbat 31a)
Konfuzianismus: „Das ist ‚gegenseitige Rücksichtnahme‘ (shu). Was man mir nicht antun soll, will ich auch nicht anderen Menschen zufügen.“ (Ralf Moritz (Übersetzer): Konfuzius: Gespräche (Lun‐Yu). Reclam, Ditzingen bei Stuttgart 1998, (1. Auflage 1982). A. 5,12) ;„Was du selbst nicht wünschst, das tue auch nicht anderen Menschen an“. (Konfuzius, Gespräche 15,23)
Zoroastrismus: „…eins ist somit, anderen alles das nicht anzutun, was einem selbst nicht wohltut; das zweite ist, voll zu verstehen, was wohlgetan und was nicht wohlgetan ist …“ (Shayast‐la‐Shayast, Kapitel 13, Passus 29, in: Friedrich Max Müller (Hrsg.): E. W.

Inhaltsverzeichnis

  • Israel: Kriegsdienstverweigerinnen seit mehr als 100 Tagen in Haft
  • Kolumbien: Kriegsdienstverweigerer Diego Fernando Blanco López illegal rekrutiert
  • Renke Brahms: Christen setzen auf den Frieden, der Angst vertreibt und Mut und Hoffnung macht
  • Kurs „Jugendliche werden Friedensstifter“
  • Renke Brahms: Deutsche Nichtteilnahme an Atomwaffenverbots-Verhandlungen ist „falsches Signal“
  • Judika-Sonntag: Auf dem Weg zu einer „Kirche des gerechten Friedens“
  • Weltoffener Humanismus, geprägt durch Aufklärung, Toleranz und politischen Frieden“
  • Deutsche Außen- und Sicherheitspolitik vorrangig von wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen geleitet
  • Neues „Handbuch Friedensethik“

Kriegsdienstverweigerung

Israel: Kriegsdienstverweigerinnen seit mehr als 100 Tagen in Haft

Tamar Alon und Tamar Ze’evi bereits das 6. Mal verurteilt

(21.03.2017)
Am 6. März wurden in Israel drei Kriegsdienstverweigerinnen erneut zu mehrwöchigen Haftstrafen verurteilt. Tamar Alon und Tamar Ze’evi sind damit bereits zum sechsten Mal verurteilt worden, Atalya Abba Ben zum zweiten Mal. Connection e.V. protestierte heute bei der israelischen Regierung gegen die Verurteilungen, forderte ihre unverzügliche Freilassung und die Anerkennung des Menschenrechts auf Kriegsdienstverweigerung.

Kolumbien: Kriegsdienstverweigerer Diego Fernando Blanco López illegal rekrutiert

Der Kriegsdienstverweigerer Diego Fernando Blanco López wurde im Dezember 2016 zwangsrekrutiert, obwohl er als Student einen Anspruch auf Zurückstellung hat.
Am 20. März 2017 hat er offiziell seine Kriegsdienstverweigerung erklärt. Seitdem ist er Aggressionen und Schikanen ausgesetzt. Wegen seiner Weigerung, Waffen zu tragen, wird er mit einem Kriegsgerichtsverfahren wegen Ungehorsams bedroht.

Wir bitten um Proteste mit den Forderungen

Aus der Arbeit der EKD

Renke Brahms: Christen setzen auf den Frieden, der Angst vertreibt und Mut und Hoffnung macht

(2.04.2017) Der Friedensbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Renke Brahms, hat dazu aufgerufen, sich nicht erschrecken zu lassen von den vielen, zum Teil unübersichtlichen Entwicklungen, von den Bedrohungen des Friedens. „Lassen wir uns doch nicht erschrecken von denen, die uns einreden wollen, dass alles nur bergab geht, wenn wir uns nicht abschotten gegen Andere“, meinte der Theologe in seiner Predigt in der Hauptkirche St. Nikolai in Hamburg.

Kurs „Jugendliche werden Friedensstifter“

Herzliche Einladung zum Kurs „Jugendliche werden Friedensstifter“ vom 21.-23. Juni in Josefstal!

Renke Brahms: Deutsche Nichtteilnahme an Atomwaffenverbots-Verhandlungen ist „falsches Signal“

(22.03.2017) Der Friedensbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Renke Brahms, hat die Entscheidung der Bundesregierung, nicht an den am 27. März beginnenden Verhandlungen der Vereinten Nationen über ein Verbot von Atomwaffen teilzunehmen, kritisiert. „Hier hat die Bundesregierung eine Chance vergeben, ein deutliches Zeichen für eine weltweite Ächtung dieser Massenvernichtungsmittel zu setzen“, betont Renke Brahms, der auch der Leitende Geistliche der Bremischen Evangelischen Kirche ist.

Judika-Sonntag: Auf dem Weg zu einer „Kirche des gerechten Friedens“

(25.03.2017) „Recht und Gerechtigkeit“ sind seit jeher Themen des Sonntags Judika, des fünften Sonntags in der Passionszeit. Seit 2015 lädt die Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland ihre Gemeinden dazu ein, dies in den Mittelpunkt ihrer Gottesdienste zu stellen. In diesem Jahr lautet das Motto „Auf dem Weg – Gerechtigkeit und Frieden“. Insgesamt werden am 2. April, dem diesjährigen Sonntag Judika, dazu in mehr als 100 Kirchengemeinden in der Nordkirche Gottesdienste gefeiert. In der Hauptkirche St.

Wissenswertes

Weltoffener Humanismus, geprägt durch Aufklärung, Toleranz und politischen Frieden“

(04.04.2017) Im Jahr des Reformationsjubiläums wäre es nach Ansicht des Präsidenten des deutschen Zweigs des Internationalen Versöhnungsbundes, Ullrich Hahn (Villingen-Schwenningen) an der Zeit, den Humanisten Erasmus von Rotterdam wieder zu entdecken und zu feiern. „Sein Wirken für die Einheit der Kirche aus einem erneuerten Geist in Verbindung mit einem weltoffenen Humanismus, geprägt durch Aufklärung, Toleranz und politischen Frieden wäre es wert“, schreibt Ullrich Hahn in einem Impuls der evangelischen „Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden“ (AGDF) zum Reformationsjubiläum.

Deutsche Außen- und Sicherheitspolitik vorrangig von wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen geleitet

(20.03.2017) Die evangelische Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) sieht die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik vorrangig geleitet von wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen, mit der Bereitschaft, zu deren Durchsetzung auch die Bundeswehr einzusetzen. „Wer mag, kann dies als ,Militarisierung national´ bezeichnen“, so Jan Gildemeister, der AGDF-Geschäftsführer, bei der Tagung „Projekt Garnisonkirche – Welches Zeichen will die Evangelische Kirche hier setzen? Ein Zwischenruf aus Potsdam“ in der französischen Kirche in Potsdam.

Neues „Handbuch Friedensethik“

(29.03.2017) Zum Gespräch über das neue „Handbuch Friedensethik“ lud die Evangelische Akademie nach Berlin ein. Dass Friede in dieser Welt nötig ist, dürfte unumstritten sein, doch die Meinungen gehen auseinander, wie er durchgesetzt und erhalten werden kann. Dabei wird zur Lösung von Konflikten als „ultima ratio“ (letztes Mittel) auch die Anwendung von militärischer Gewalt nicht ausgeschlossen. Der mennonitische Friedensethiker Fernando Enns setzt dagegen auch bei einer humanitären Katastrophe wie im Syrien-Konflikt auf ein gewaltfreies Engagement.

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