EAK Rundbrief Oktober 2017

Liebe Leserinnen und Leser,

ein Gesprächsfetzten, in Wittenberg aufgeschnappt: „Überall kleben die Luther drauf, egal was drin ist“. Es gibt scheinbar keine Grenzen, Luther zu vermarkten. Begrenzt ist das Interesse, sich  im Gedenkjahr der Reformation dem zu stellen, was die Reformation angestoßen hat und unter heutigen Bedingungen aufzunehmen und neu zu bedenken ist.

Zur Friedensfrage wird landauf landab Luthers Schrift von 1525 herangezogen: „Ob Kriegsleute auch  auch im seligen Stande sein können“.  Das Zünglein an der Waage ist das Wörtlein „ob“. Wenn Luther sich damals in seiner Argumentation auf das Recht und Kriegsrecht bezieht, dann muss heute nicht nur das eigene Gewissen, sondern das Kriegsrecht und das Friedensrecht zur Prüfung herangezogen werden.

Luther hätte im Reformationssummer 2017 nicht stillegehalten, dass es über den im Juli von 122 Staaten beschlossenen Atomwaffenverbotsvertrag der UNO so still ist. Ins Sommerloch gefallen? Der Vertrag soll ab dem 20. September ratifiziert werden und tritt in Kraft, wenn mindesten 50 Staaten unterschreiben. Die Bundesrepublik hat sich trotz klarer Aufforderungen an der UNO-Konferenz nicht beteiligt. Jetzt sollte sie beitreten und ein Signal geben für die Ächtung dieser Massenvernichtungswaffen. Atomwaffen sind die einzigen Massenvernichtungswaffen, die noch nicht völkerrechtlich verboten sind. Der Vertrag soll diese völkerrechtliche Lücke endlich schließen. 

 „Darum weg mit all jenen Propheten die den Christen predigen: „Friede, Friede, und ist doch kein Friede!“ Das ist These 92, an der Thesentür der Schlosskirche zu lesen, aber dazu muss man sich bücken….“. Falschen Sicherheiten und falschen Friedenspropheten setzt Luther die innere Gewissheit und das Vertrauen entgegen, das falscher Friede entlarvt werden kann und  rechter Friede möglich ist – innerlich und äußerlich. Da ist dann Bonhoeffer nicht weit, der 1934 den Zeitereignissen entgegensetzte, dass Frieden aus einer tieferen Dimension kommen muss als politische Verträge,  internationale Kapitalinvestitionen und friedliche Aufrüstung zur Sicherstellung des Friedens. Hier werde Friede und Sicherheit verwechselt: „Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn Friede muss gewagt werden.“ So gut zu lesen an einer der Tafeln des Pilgerwegs für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung am Schwanenteich in Wittenberg. Darüber konnte ich im  Café#Friedenswege mit Menschen diskutieren, die dem vehement widersprachen oder das total cool fanden, denn die in der Bibel genährte Hoffnung, dass alle sicher  wohnen  bezeichnet eine allgemein-menschliches Grundbedürfnis persönlicher, ökonomischer und religiöser Art. Daher müssen neben Verträge auch Sicherheitspartnerschaften der Gegner treten, die z.B. zur Beendigung des Kalten Krieges geholfen haben. Das ist ein anderes Konzept als die „vernetzte Sicherheit“, die primär auf mehr Soldaten und mehr Waffen setzt.

Luther, dem  Obrigkeitsgehorsam attestiert wird, setzte auf eine gute Obrigkeit. „Good governance“ sagen wir heute.  Und er beschreibt die roten Linie, dass es keine Gehorsamspflicht  gibt, wenn ein Fürst Unrecht hat: „Denn es gebührt sich für niemand, etwas gegen das Recht zu tun, sondern man muss Gott, der das Recht haben will, mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29).

In dieser Perspektive betont die Friedensdenkschrift der EKD aus dem Jahre 2007 die große Bedeutung der im Grundgesetz festgeschriebenen Gewissenfreiheit und des sich daraus ergebenden Rechts zur Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen, auch für Soldatinnen und Soldaten: „Die evangelische Kirche betrachtet die Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen als Menschenrecht und setzt sich dafür ein, es auch im Bereich der Europäischen Union verbindlich zu gewährleisten.“

Als vor Ostern 1542  in der „ Wurzener Fehde“ die Heere des Wittenberger Kurfürsten Johann Friedrich und des Dresdner Herzogs Moritz in den Bereitstellungsräumen kampfbereit waren,  ermahnt Luther beide in einem Brief an die vorrangige Pflicht, sich für den Frieden einzusetzen. Er schlägt den Weg der Verhandlung vor, ebenso ein Schiedsgericht als eine unabhängige, rechtsförmige Instanz der Vermittlung. Luther setzt auf Prävention, Verhandlungen und rechtsförmige Lösungen. Sollte eine gütliche Einigung nicht zu Stande kommen, hält er auch Gehorsamsverweigerung und Desertieren für denkbar. Wo  Unfriede und Rache um sich greifen, rät Luther, „dass wer unter solchem unfriedlichem Fürsten Krieg führt, der laufe, was er laufen kann, seine Seele errette und seinen rachgierigen, unsinnigen Fürsten allein und für sich selbst mit denen zusammen Krieg führen lasse, die mit ihm zum Teufel fahren wollen.“

In Summa: Es lohnt sich, darauf zu achten, was drin ist, wo Luther draufsteht. Es lohnt sich, es ihm gleichzutun, die Stimme zu erheben und sich tatkräftig für das Lebens- und Friedensdienliche einzusetzen.

Ihr
Christoph Münchow
- Bundesvorsitzender der EAK-
 

Inhaltsverzeichnis

  • Thesenanschlag für eine gerechte und friedliche Welt
  • „Dazu beigetragen, einer friedlicheren und gerechteren Welt einen kleinen Schritt näherzukommen“
  • Reformierter Bund beschließt Friedenserklärung
  • Evangelische Freikirchen als weltweite Friedensstifter
  • Ausschreibung EINE-WELT-PREIS der Nordkirche 2018
  • AGDF und EAK: Den Weg freimachen für eine atomwaffenfreie Welt
  • AGDF fordert die Freilassung von Peter Steudtner und anderer Häftlinge in der Türkei
  • AGDF: Neue Bundesregierung muss sich für mehr Frieden und Gerechtigkeit einsetzen
  • Christine Busch ist die neue Vorsitzende der AGDF
  • AGDF ermutigt EKD-Landeskirchen, sich verstärkt mit Friedensfragen zu beschäftigen
  • „Seine kritische Stimme ist unverzichtbar“
  • Neue Welt(un)ordnung: Welche Rolle sollen zukünftig die UNO und Deutschland spielen?
  • Kirche und Gewalt - Die Evangelische Kirche und die Politik der langen 1970er Jahre
  • Dorothee Sölle und die politische Theologie in der evangelikalen Kritik Entwicklungen bis heute

 

Wissenswertes

Thesenanschlag für eine gerechte und friedliche Welt

(15.10.2017) An den Thesenanschlag von Martin Luther King im Sommer 1966 an die Rathaustür in Chicago erinnert der Heidelberger Pfarrer Dr. Vincenzo Petracca mit einem Impuls „Thesenanschlag im Ghetto“ zum Reformationsjubiläum. „Hatte Luther in seinen Thesen den geschäftsmäßigen Ablasshandel auf Kosten der Armen angeprangert, so prangerte King in Chicago die Geschäftemacherei mit Unterprivilegierten im Schwarzenghetto an“, betont der evangelische Theologe, der den Vorständen des ökumenischen Vereins „gewaltfrei handeln“ und der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) angehört.

„Dazu beigetragen, einer friedlicheren und gerechteren Welt einen kleinen Schritt näherzukommen“

(13.10.2017) Die Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) hat die Arbeit des langjährigen Geschäftsführers der ökumenischen Friedensinitiative „Ohne Rüstung leben“, Paul Russmann, gewürdigt, der nun in den Ruhestand getreten ist. „Paul Russmann gehört zu den Menschen, die sich über Jahrzehnte hinweg für Frieden und Gerechtigkeit engagiert und immer wieder ihre Stimme gegen Rüstung und Waffenhandel erhoben haben“, so Horst Scheffler, der ehemalige AGDF-Vorsitzende, der in vielen Gremien mit Paul Russmann eng zusammengearbeitet hat.

Reformierter Bund beschließt Friedenserklärung

(10.10.2017) Bei seiner Hauptversammlung in Moers hat der Reformierte Bund eine Erklärung besprochen, die an die Friedenserklärung von 1982 anschließt und auf die aktuellen Problemlagen zielt. Der Moderator des Bundes, Martin Engels, betonte in seiner Einbringung des Papiers, wie kompliziert und vielschichtig das Friedensthema geworden sei. Wie in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts werde die militärische Gewalt zu einem selbstverständlichen und oftmals unwidersprochenen Mittel zum Zweck.

Evangelische Freikirchen als weltweite Friedensstifter

(10.10.2017) Im Wirken als Friedensstifter sieht die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, die sich wie die anderen evangelischen Freikirchen in der reformatorischen Tradition sowohl Luthers, Zwinglis und Calvin, aber auch des täuferischen Flügels als Erneuerungsbewegung sieht, eine wesentliche Aufgabe ihrer kirchlichen Arbeit. Dies betont Pastor Holger Teubert (Ostfildern), der Leiter des Referats Kriegsdienstverweigerung der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland, in einem Impuls der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) zum Reformationsjubiläum.

Ausschreibung EINE-WELT-PREIS der Nordkirche 2018

Die Landessynode und die Kirchenleitung der Nordkirche möchten mit dem Eine-Welt-Preis Gruppen, Initiativen oder Einzelpersonen würdigen, die sich mit Phantasie, Kreativität und Hingabe für mehr Gerechtigkeit in der Welt einsetzen und dabei etwas Beispielhaftes und Neues geleistet haben.
Der Eine-Welt-Preis wird alle zwei Jahre von der Nordkirche vergeben. Anfang 2018 ist es wieder soweit.

AGDF und EAK: Den Weg freimachen für eine atomwaffenfreie Welt

(06.10.2017) Hocherfreut zeigt sich die evangelische Friedensarbeit über die Verleihung des Friedensnobelpreises 2017 an die Internationale Kampagne für die Abschaffung der Atomwaffen (ICAN). „Das ist eine überzeugende Bestätigung der so wichtigen Arbeit auch unserer Mitgliedsorganisationen für ein Verbot nuklearer Waffen“, betont Christine Busch, die neue Vorsitzende der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF). Und Dr.

AGDF fordert die Freilassung von Peter Steudtner und anderer Häftlinge in der Türkei

(01.10.2017) Die Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) hat die Freilassung des Menschenrechtsaktivisten Peter Steudtner und der anderen Menschenrechtlerinnen und Menschenrechtler aus der türkischen Haft gefordert.

AGDF: Neue Bundesregierung muss sich für mehr Frieden und Gerechtigkeit einsetzen

(01.10.2017) Nach Ansicht der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) müssen der Einsatz für Frieden, mehr Gerechtigkeit und die Umsetzung der UN-Ziele für eine nachhaltige Entwicklung für die neue Bundesregierung Priorität haben. In einer von der Mitgliederversammlung in Naunhof bei Leipzig einstimmig verabschiedeten Resolution richtet die AGDF mehrere Forderungen an den neuen Deutschen Bundestag und die künftige Bundesregierung.

Christine Busch ist die neue Vorsitzende der AGDF

(30.09.2017) Christine Busch aus Düsseldorf ist die neue Vorsitzende der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF). Sie wurde auf einer Mitgliederversammlung in Naunhof bei Leipzig einstimmig gewählt und ist damit Nachfolgerin von Horst Scheffler (Mainz-Zornheim), der zehn Jahre lang an der Spitze der AGDF stand.

AGDF ermutigt EKD-Landeskirchen, sich verstärkt mit Friedensfragen zu beschäftigen

(22.09.2017) Der Geschäftsführer der evangelischen Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF), Jan Gildemeister (Bonn), hat die Landeskirchen der EKD ermutigt, sich stärker mit Friedensfragen zu beschäftigen, sich dabei am 2007 von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) übernommenen Leitbild des gerechten Friedens zu orientieren und sich so in gesellschaftliche Diskussionen einzubringen.

„Seine kritische Stimme ist unverzichtbar“

(16.09.2017) Die evangelische Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) gratuliert dem Publizisten, Pädagogen und Friedensaktivisten Jürgen Grässlin zu seinem 60. Geburtstag. „Jürgen Grässlin gehört zu Recht zu den profiliertesten Rüstungskritikern in Deutschland. Seine kritische Stimme und seine Arbeit für den Frieden sind wichtig und unverzichtbar. Und diese Stimme wird hoffentlich noch lange zu hören sein“, würdigt AGDF-Vorsitzender Horst Scheffler den Jubilar.

 

Veranstaltungen

Neue Welt(un)ordnung: Welche Rolle sollen zukünftig die UNO und Deutschland spielen?

13. - 15. Oktober 2017
Der Rückgriff auf nationalistische, unilaterale und aggressive Politikkonzepte nimmt im internationalen Raum immer mehr zu. Das Spiel um geopolitische Macht ist auf die Bühne der Weltpolitik zurückgekehrt. Eine auf Kooperation und Multilateralismus basierende globale Friedensordnung ist in den Hintergrund getreten. Welche Rolle können bzw. sollen zukünftig die Vereinten Nationen spielen? Welche Einflussmöglichkeiten hat Deutschland im Rahmen der UNO?

Kirche und Gewalt - Die Evangelische Kirche und die Politik der langen 1970er Jahre

13.-14. Oktober 2017, Christus-Kirchengemeinde in Hamburg-Wandsbek
Die Tagung will die gesellschaftlichen Gewaltdiskurse der 1970er und Anfang der 1980er Jahre und die Rolle der Kirche hierbei untersuchen und zueinander in Beziehung setzen. Dabei werden wissenschaftliche Darstellungen ergänzt durch regionale Akteurinnen und Akteure der ehemaligen Nordelbischen Kirche.

Dorothee Sölle und die politische Theologie in der evangelikalen Kritik Entwicklungen bis heute

Die Theologie Dorothee Sölles stand wie kaum eine andere im Zentrum der Kritik an der „politischen Theologie“, die von der evangelikalen Bewegung seit den 1960er Jahren in der Evangelischen Kirche erhoben wurde. Die Kirchenhistorikerin Gisa Bauer gibt einen Überblick über die Entwicklung der Diskussionen um Sölles Theologie. Im Anschluss gibt es die Gelegenheit für Rückfragen und ein offenes Gespräch.

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