EAK Rundbrief September 2017

Mennoniten im Schatten der Reformation

Als die EKD bekanntgab, dass sie 2017 ein großes 500-jähriges Reformationsjubiläum durchführen möchte, wurde sie daran erinnert, dass die Reformation nicht nur mit dem Thesenanschlag von Martin Luther in Wittenberg am 31. Oktober 1517 begann. Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) griff den Gedanken auf und startete die Initiative „Reformationsstädte Europas“. Bisher wurde 99 Städten in 18 europäischen Ländern der Ehrentitel „Reformationsstadt Europas“ verliehen. Dazu gehören neben den Schweizer Städten Genf und Zürich, wo die bekannten Reformatoren Johann Calvin (1509-1564) und Huldrych Zwingli (1484-1531) wirkten, auch Städte, die mit der Reformation nicht so schnell in Verbindung gebracht werden. Etwa Torre Pellice in Italien, wo sich die Waldenser, die Anhänger des  Lyoner Kaufmanns Petrus Valdes (gestorben vor 1218), in die Cottischen Alpen westlich von Turin zurückzogen, um den Verfolgern zu entgehen. Oder Konstanz, eine Reformationsstadt  in welcher der böhmische Reformator Jan Hus 1415 als „Ketzer“ verbrannt wurde. So gehören zur Reformation nicht nur das Luthertum, sondern auch die reformierten Kirchen und die sog. Vorreformatoren.

Doch wie steht es mit dem „linken Flügel“ der Reformation, den täuferischen Kirchen? Als 1980 die deutschen Lutheraner den 450. Jahrestag der Confessio Augustana (Augsburger Bekenntnis) feierten, wurden dazu auch die Mennoniten aufgrund ihrer festen Verankerung in der Ökumene eingeladen. Doch die Mennoniten hätten das „Hauptbekenntnis“ der lutherischen Konfessionsfamilie nur unter Vorbehalt mitfeiern können, da in dieser Urkunde die Verwerfung der Täufer einschließlich ihrer ewigen Verdammnis festgeschrieben ist. Ein mennonitischer Theologe meinte dazu: „Wir hätten unsere eigene Verdammung feiern sollen.“ Etwa 1000 namentlich erfasste Täufer ließen im 16. und 17. Jahrhundert aufgrund ihrer Glaubensüberzeugungen ihr Leben. Daher mussten die Mennoniten  und andere Täufergruppen oft ihre Heimat verlassen und siedelten sich in Gebiete an, wo sie ihren Glauben ausleben konnten.

Aufgrund der peinlichen Situation des Jubiläums von 1980 entstanden in Deutschland, in der Schweiz und auch in Frankreich Dialoginitiativen, die immer weitere Kreise zogen. Während der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) im Juli 2010 in Stuttgart versöhnten sich in einem Bußgottesdienst der LWB und die Mennonitische Weltkonferenz (MWK). Vorausgegangen war ein einstimmig gefasstes Schuldbekenntnis der Vollversammlung des LWB gegenüber den Täufern. Im Schuldbekenntnis heißt es unter anderem: „Im Vertrauen auf Gott, der in Jesus Christus die Welt mit sich versöhnte, bitten wir deshalb Gott und unsere mennonitischen Schwestern und Brüder um Vergebung für das Leiden, das unsere Vorfahren im 16. Jahrhundert den Täufern zugefügt haben, für das Vergessen oder Ignorieren dieser Verfolgung in den folgenden Jahrhunderten und für alle unzutreffenden, irreführenden und verletzenden Darstellungen der Täufer und Mennoniten, die lutherische Autoren bis heute in wissenschaftlicher oder nichtwissenschaftlicher Form verbreitet haben.“ Die Vertreter der MWK nahmen die Versöhnungsbitte an. Ich war damals als Journalist bei der Vollversammlung in Stuttgart und erlebte das bewegende Ereignis mit. Doch bereits am 26. Juni 2004 verlasen Vertreter der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich anlässlich des 500. Geburtstages des Schweizer Reformators Heinrich Bullinger ein Schuldbekenntnis zum Verhältnis der reformierten Kirchen zu den Kirchen der täuferischen Tradition in einem Gottesdienst im Großmünster in Zürich. Damit wurde ein seit den 1980er Jahren geführter Dialogprozess feierlich abgeschlossen.

Dennoch war mir gegenüber ein mennonitischer Pastor der Ansicht, dass das Täufertum trotz aller Beteuerungen des lutherisch-mennonitischen Versöhnungsprozesses auf Weltebene in den Veröffentlichungen der EKD zum Reformationsjubiläum weitgehend unberücksichtigt geblieben sei. Sofern die Täufer erwähnt wurden, sei ihnen eine Sonderstellung eingeräumt worden, sodass sie nicht wirklich zur Reformation dazu gehörten. Für den „linken Flügel“ der Reformation, nämlich die Täufer, bleibe zum 500. Geburtstag wieder nur ein Platz im Schatten.

Die Mennoniten, die sich bereits im 16. Jahrhundert für Gewaltlosigkeit und Pazifismus einsetzten, gehören zu den drei „historischen Friedenskirchen“. Dieser Begriff entstand 1935, als nordamerikanische Vertreter der ihr angehörenden Glaubensgemeinschaften erstmals gemeinsam ihre „Principles of Christian Peace and Patriotism“ (Grundsätze des christlichen Friedens und Patriotismus) formulierten. Dabei ging es um weltweite Hilfstätigkeit für die Opfer von Kriegen und Förderung der internationalen Verständigung, Betonung der Völker verbindenden Qualität christlicher Gemeinschaft sowie Festhalten an der traditionellen Auffassung, dass Christen sich nicht an Kriegen beteiligen sollten, auch wenn das von Regierungen verlangt werde. Die beiden anderen historischen Friedenskirchen sind die im 17. Jahrhundert entstandenen Quäker, auch „Religiöse Gesellschaft der Freunde“ genannt, und die im 18. Jahrhundert in England aufkommende Church of the Brethren (Kirche der Brüder). Doch auch andere, wie die im 19. Jahrhundert gegründete Freikirche Siebenten-Tags-Adventisten, setzen sich bei Konflikten für Gewaltfreiheit ein und wollen „Friedensstifter“ sein.

Die Mennoniten gelten als älteste evangelische Freikirche. 2016 gab die Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF), zu der in Deutschland 15 Freikirchen gehören, eine Botschaft zu „500 Jahre Reformation“ heraus. Darin heißt es gleich im ersten Satz: „Als evangelische Freikirchen sind wir Teil der Reformation, einer historischen Erneuerungsbewegung, die bis heute Einfluss auf Christen weltweit und auf ganze Gesellschaften hat.“ Manche Errungenschaften der modernen Gesellschaft sind auf die Reformation zurückzuführen, „und die Freikirchen hatten entscheidenden Anteil daran“, wofür das VEF-Dokument einige Beispiele nennt. So ist eine der Wurzeln des modernen Freiheitsverständnisses – vor allem in Nordamerika – von baptistischen Theologen wie Roger Williams ausgegangen. Diese haben dazu beigetragen, „dass Religions- und Gewissensfreiheit als Grundrecht für alle deklariert wurde.“ Die Heilsarmee hat sich bereits im 19. Jahrhundert für eine gesellschaftliche Gleichstellung der Frauen engagiert, und der Einsatz für Menschenrechte hat in den Freikirchen eine lange Tradition, wie das Wirken Martin Luther Kings oder der Einsatz der Mennoniten für den Frieden beispielhaft zeigen.

Schon zuvor veröffentlichte die VEF im November 2015 eine „Theologische Orientierungshilfe zur Friedensethik“. Sie sprach sich darin für den Frieden als handlungsleitendes Motiv in persönlichen, gesellschaftlichen, zwischenstaatlichen und wirtschaftlichen Beziehungen und Auseinandersetzungen aus. Zwar gebe es auch innerhalb der VEF eine große Bandbreite an theologischen Meinungen, so der damalige Präsident der VEF, Ansgar Hörsting, und die Mitgliedskirchen würden manche Detailfragen der Friedensethik durchaus unterschiedlich beantworten: „Doch als Christen glauben wir gemeinsam an einen liebenden Gott, der uns Menschen einen außerordentlichen Wert beimisst und der will, dass wir miteinander friedvoll, in Würde und gerecht umgehen.“

Holger Teubert, Diplom-Theologe
Leiter des Referats Kriegsdienstverweigerung
der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland

und Vertreter der VEF im Vorstand der EAK
Mennoniten im Schatten der Reformation

 

Inhaltsverzeichnis

  • Brahms: EU-Instrumente der Konfliktprävention und Entwicklungshilfe nicht militärisch nutzen
  • Gemeinsam auf dem Weg zum Gerechten Frieden
  • „Unermüdlich im Einsatz für eine gewaltfreie Welt und die Gewissensfreiheit“
  • „Über Jahrzehnte für Frieden und Gerechtigkeit engagiert“
  • Bonner Friedenstage vom 1.09. bis 30.09.2017
  • Wie entscheidend ist die lokale Perspektive für Konfliktanalyse und -bearbeitung?
  • “Mein eigener Raum" - Strategien und Trainings zum kreativen und wertschätzendem Umgang mit sich selber und miteinander
  • Stress- und Traumasensibilität im Kontext FluchtWissenswertes

Wissenswertes

Brahms: EU-Instrumente der Konfliktprävention und Entwicklungshilfe nicht militärisch nutzen

(12.09.2017) Die Pläne der Europäischen Union, Gelder aus dem Instrument für Stabilität und Frieden, mit dem Maßnahmen der zivilen Konfliktprävention finanziert werden, künftig auch für die Unterstützung von Streitkräften in Drittstaaten zu verwenden, hat der Friedensbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Renke Brahms, scharf kritisiert. „Das wäre ein gefährlicher Tabubruch, wenn diese EU-Gelder künftig militärisch eingesetzt werden können“, so der EKD-Friedensbeauftragte.

Gemeinsam auf dem Weg zum Gerechten Frieden

Nach Ansicht der katholischen Friedensbewegung pax christi ist im Vatikan derzeit ein Kurswechsel zu erkennen: Gewaltfreiheit soll wieder einen zentralen Stellenwert erhalten, die Lehre vom gerechten Krieg überwunden und gewaltfreie Praktiken zum Schutz von  bedrohten Menschen gefördert werden. Dies betont die pax christi-Bundesvorsitzende Wiltrud Rösch-Metzler in einem Impuls der evangelischen Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) zum Reformationsjubiläum.

„Unermüdlich im Einsatz für eine gewaltfreie Welt und die Gewissensfreiheit“

(31.08.2018) Immer wieder hat er sich für ein Recht auf Kriegsdienstverweigerung eingesetzt und hat Menschen, die aus Gewissensgründen den Dienst mit der Waffe verweigerten, unterstützt, ihnen geholfen und sich für sie engagiert: Ulrich Finckh. Am 4. September wird der evangelische Theologe 90 Jahre alt.

„Über Jahrzehnte für Frieden und Gerechtigkeit engagiert“

(29.08.2017/dj) Die evangelische Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) hat das friedenspolitische Engagement der Frankfurter Pröpstin Gabriele Scherle gewürdigt und ihr für ihre langjährige Arbeit gedankt. „Gabriele Scherle hat sich über Jahrzehnte hinweg für Frieden und Gerechtigkeit eingesetzt, friedensethische Impulse gegeben und sich für eine friedliche Welt engagiert“, betonte Horst Scheffler, der AGDF-Vorsitzende. Die Prösptin der Probstei Rhein-Main in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau wird am 1.

Veranstaltungen

Bonner Friedenstage vom 1.09. bis 30.09.2017

Der Bonner-Friedenstag, rund um den UNO-Friedenstag, den 21.09. eines Jahres, wird wieder von Bonner Friedensorganisationen mit einem umfangreichem Programm gestaltet.

Wie entscheidend ist die lokale Perspektive für Konfliktanalyse und -bearbeitung?

Am 15. September 2017 (16.00 bis 19.00 Uhr) findet in der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz in Mainz ein Vortrag mit Diskussion zum Thema "Wie entscheidend ist die lokale Perspektive für Konfliktanalyse und -bearbeitung?" statt.

“Mein eigener Raum" - Strategien und Trainings zum kreativen und wertschätzendem Umgang mit sich selber und miteinander

Am 22.-24. September 2017 bietet das 'Projekt Alternativen zur Gewalt' (PAG) e.V. in Zusammenarbeit mit der  Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Bonifatius in Hamburg-Barmbek den Themenkurs "Mein eigener Raum" an. In diesem Kurs werden Möglichkeiten aufzeigt, Konflikte konstruktiv und kreativ anzugehen; mit heiteren und ernsten Übungen, Rollenspielen und Gesprächen.

Stress- und Traumasensibilität im Kontext Flucht

Sie arbeiten als Fachkraft mit geflüchteten Menschen in NRW und möchten Stress- und Traumafolgen erkennen und darauf kompetent reagieren können? Dann melden Sie sich zu einer  Fortbildungen bei medica mondale e. V. in Köln zu Stress- und Traumasensibilität in der Unterstützung geflüchteter Menschen an.

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