Ernstfall Frieden. Lehren aus der deutschen Geschichte seit 1914

Buchbesprechung: Was uns deutsche Geschichte lehren muss

Wolfram Wette: Ernstfall Frieden. Lehren aus der deutschen Geschichte seit 1914. Reihe Geschichte & Frieden, Bd. 38 im Donat-Verlag, Bremen 2017. Geb., 640 S. (ISBN: 978-3-943425-31-4).

Das stattliche und preislich dennoch erschwingliche Buch ist schon durch Aufmachung und Optik ein gewichtiges Pfund. Geschweige denn erst von seinem Inhalt. Es gehört in die Kenntnis und Benutzung jedes und jeder Friedensaktiven! Wie auch jedes deutschen Politikers, jeder Politikerin. Und natürlich in den Geschichts- und Politikunterricht gymnasialer Oberstufen. Wissenschaftswerk, Geschichts- und Illustrationsbuch in einem. Gleichzeitig hinsichtlich seiner Thematik eine höchst beachtliche Summe an wissenschaftlichem Ertrag des kritischen Friedensforschers und Historikers Wolfram Wette (*1940), die ihresgleichen suchen dürfte. Ein echtes Handbuch also. Zusammen mit dem im VS - Verlag für Sozial-wissenschaften vor kurzem neu erschienenen, voluminösen “Handbuch Friedensethik” und vielleicht Henrik Paulitz’ “Anleitung gegen Krieg. Analysen und friedenspolitische Übungen” (2016) stellen diese drei derzeit ein vorliegendes umfangreiches Kompendium für Theorie und Praxis von Friedensanalyse und Friedenshandeln dar wie selten zuvor. Ein Seminarmaterial erster Güte und Verwendbarkeit. Da kann kein Regierungs-Think Tank mithalten.

Vor nicht allzu langer Zeit hat ein australischer Geschichtsinterpret seine Berufung in noch weit umfänglicher Weise demonstriert, uns in Bezug auf die Ursachen und Hintergründe für den Ersten Weltkrieg seitenlang geschwätzig den Bären der “Schlafwandlerei” der damaligen hohen Politik und ihrer maßgeblichen Repräsentanten und Verantwortlichen aufzubinden. Alle Beteiligten, die Aggressoren wie die Angegriffenen, so wird ein eigentlich bereits erreichter Standard differenzierender historischer Forschung und Analyse (siehe sog. Fischer-Kontroverse) revidiert, seien in etwa gleichermaßen “schuldig” und verantwortlich in die vermeintliche “Jahrhundertkatastrophe” hineingeschliddert. “Katastrophe”, eine seltsame Bezeichnung für einen historschen Vorgang eines analysierenden Geschichtswissenschaftlers, als hätte es nicht wenn, dann noch weit größere und schlimmere im “Zeitalter der Extreme“ (Hobsbawm) gegeben. Die eindeutigen Mächte in der Defensive, Frankreich und das neutrale Belgien, als Provokateure ihrer Opferrolle? Das deutsche Heer ist ohne lange zu fackeln auf seinem Weg gegen den Erzfeind durch Belgien marschiert und hinterließ dort eine Schneise der Verwüstung. Ähnlich wie einst im amerikanischen Bürgerkrieg die vordringenden Nordstaatentruppen unter heute noch hoch verehrten Generälen wie Sherman und Sheridan bei ihren verheerenden Raids bis tief in den abtrünnigen Süden. Von der völkerrechtlich völlig unhaltbar und unzulässig relativierenden Behauptung zur Legende vom Dolchstoß, zum “ungerechten” Versailler “Friedensdiktat” 1918 der Alliierten Sieger über die Achsenmacht Deutsches Kaiserreich und zur Ansicht, die Weimarer Demokratie sei von links genauso wie von rechts torpediert und zerstört worden, ist es nicht mehr weit. Da ist der im öffentlichen Fernsehen süffisant Geschichte moderierende Deutschlandreisende im roten VW-Cabrio, wohlwollender Preußen-Chronist (Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600 bis 1947; 2006), Freund und Berater des Preußen nachfolgenden Hauses Hohenzollern, Sir Christopher Clark, in guter nationalkonservativer bis rechter Gesellschaft. Bei Wette lesen sich die Dinge freilich anders (siehe die Seiten 25-168).
Wolfram Wette stellt seinem Buch nicht von ungefähr als Titel den berühmten umgestellten Halbsatz des einstigen deutschen Bundespräsidenten, Sozialde-mokraten und Juristen Gustav Heinemann vorweg: Der Frieden ist der Ernstfall. Mit ihm haben auch schon junge Bundesbürger ihre Verweigerung des Kriegsdienstes gegenüber staatlicher Gewissensinquisition argumentativ untermauert. Er gehört zur politischen Kultur eines “anderen” bundesrepublikanischen “Deutschland” als dem offiziellen, genauso wie Willy Brandts programmatischer Ausspruch “Wir wollen mehr Demokratie wagen” oder sein legendärer Kniefall in Warschau bei der Kranzniederlegung als Geste der Demut und Zeichen der Versöhnungsbereitschaft einer gewandelten Ostpolitik (Annäherung durch Wandel). Konservative, national-liberale und revanchistische Kreise wären hierzulande zu so etwas wie den Ostverträgen mit Moskau und der DDR zur damaligen Zeit Anfang der 1970er Jahre nie fähig und bereit gewesen. Sie erst ermöglichten à la longue vorbereitend die Ernte der deutschen Vereinigung in allerdings konservativer, nationalpatriotischer Gangart. Ironie der Geschichte.
Es empfiehlt sich, die Einleitung des Verfassers vorab genau zu lesen, deren einzelne Abschnitte Wette den jeweiligen dazu handelnden Kapiteln des Buches zuordnet und so “didaktisch” selbst in sein Buch einführt. Denn es erweist sich als nicht immer einfach, bei dieser Fülle des Inhalts und verwendeten Materials den Überblick zu behalten. Fast könnte man meinen, das Buch sei mit zahlreichen, z. T. seltenen Fotos von Personen und Schauplätzen, Faksimiles von Plakaten und Buchtitelseiten und eingeschobenen Textblöcken etwas überfrachtet. Das mag sogar auf einzelne Seiten zutreffen, wo fast kein normaler Text mehr zu finden ist. Aber es erhält dadurch fast einen lexikalischen Charakter und liefert einmalige fotografische und authentische Eindrücke von Dokumenten, die man anderswo vergeblich suchen würde. Nahezu zwei Jahre, schreibt der Verleger, selbst akribischer Historiker, habe er daran gearbeitet und wer ihn kennt weiß, dass Verleger wie auch der Autor hierfür ihre historischen “Schatztruhen” geöffnet haben dürften.
Hier seien kurz die Inhaltsüberschriften der enthaltenen sechs Kapitel angegeben: I. Warum der Erste Weltkrieg nicht verhindert wurde; II. Die Chance zur Umkehr. Frieden und Krieg in der Weimarer Republik; III. Weil sich die Wahrheit nicht sehen lassen kann: Das System der Kriegslügen; IV. Nach 1945: Die zweite Chance der Umkehr; V. In der Berliner Republik: Verliert die Lehre “Nie wieder Krieg!” ihre Verbindlichkeit? VI. Anhang.
Es lohnt einen Blick auf die berufliche Biografie Wettes zu werfen, um zu sehen, dass hier in Bezug auf Krieg und Frieden einer spricht und schreibt, der sich in beiden Bereichen und “Lagern” gut auskennt. Auch als Mitglied des Förderkreises Arbeitskreis Darmstädter Signal, einer kritischen Offiziers- und SoldatInnengruppe innerhalb der Bundeswehr, die der Friedensbewegung nahestehende Positionen vertritt, gibt Wette Zeugnis einer integren Friedenshaltung. Selbst war er sechs Jahre Fernmelde-Zeitsoldat der Bundeswehr und Hauptmann der Reserve. Von 1971 bis 1995 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Militärgeschichtlichen For-schungsamt (MGFA) der Bundeswehr in Freiburg. Er gehört zu einer jüngeren kritischen Historikergeneration, die in ihrem Fach gegen den “Muff von tausend Jahren unter den Talaren” angearbeitet hat. Und dazu die nicht zuletzt durch die StudentInnenproteste mit beförderte “Kulturwende” zu neuen Denkmustern und Profilen kritischer historischer Interpretation und Argumentation nutzte. Nach einer offiziell nahezu zwei Jahrzehnte währenden restaurativen Grundstimmung in der westdeutschen Republik. Bekannt ist die interne Auseinandersetzung im MGFA in den 1970er/80er Jahren um Wettes politische Biographie des SPD-Reichswehr-ministers zu Beginn der Weimarer Republik Gustav Noske. Bekanntlich maßgeblich verantwortlich für die militärische Niederschlagung der deutschen Räterevolution
1918/19. Namhafte Historiker und Generäle wie Graf Kielmannsegg, Repräsentant nationalkonservativer Widerstandstradition um den “20. Juli” und der wenig effektiven Inneren Führung in der Bundeswehr, Michael Stürmer und Thomas Nipperdey opponierten in einem Beirat gegen die Forschungsarbeit, sie sei so “einseitig” (KPD-Nähe!) nicht druckreif und überarbeitungsbedürftig. Erst nach eingeholten wissenschaftlichen Gutachten konnte sie 1987 gedruckt werden. Hans-Ulrich Wehler sprach damals unverhohlen vom Versuch der Zensur.
Zusammen mit dem älteren Fachkollegen Professor Manfred Messerschmidt in gleicher Institution engagierte sich Wette sachverständig in der langwierigen politischen Diskussion und teils scharf geführten öffentlichen Parlamentsdebatte und Auseinandersetzung zugunsten der Rehabilitation und Entschädigung von Wehrmachtsdeserteuren. Hervorzuheben ist etwa sein resümierender Bericht “Deserteure der Wehrmacht rehabilitiert. Ein exemplarischer Meinungswandel in Deutschland 1982 bis 2002.” (enth. in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Heft 6/2004, S. 505-527). Wette wird gewiss der hier getroffenen Feststellung zustimmen, dass der Begriff “Meinungswandel” für das, was Gegenstand hartnäckiger Kontroversen und sturer Parteiblockaden von rechts bis liberal und sogar in die rechten Reihen der SPD war, etwas zu milde gefasst ist. Es war ein Kampf mit allen ideologischen Bandagen und scharfem “Geschützfeuer” seitens der notorischen Rehabilitierungsverhinderer. Und das selbst über vierzig Jahre nach Ende eines Angriffs- und Vernichtungskriegs und gezielten Völkermords, dem sich die Deserteure und “Wehrkraftzersetzer” widersetzten und es zu nahezu 30.000 Todesurteilen der NS-Militärjustiz kam. Fakten, die allein schon für sich sprechen. Die von Adenauer, Strauß & Co. kombiniert mit staatlich verordnetem Antikom-munismus vorangetriebene Remilitarisierung Westdeutschlands in einem neuen nordatlantischen Militärbündnis gehört zu den großen verpassten Gelegenheiten für eine historische Weichenstellung für einen Frieden ohne Waffen und Jahrzehnte lang nachwirkenden Geburtsfehlern der westdeutschen Nachkriegsrepublik.
Wette spricht u. a. von zwei offensichtlich seines Erachtens nicht oder nicht genug genutzten Chancen zur Umkehr nach Weltkrieg Eins und Zwei. Denn nach wie vor wird Krieg geführt auf der Welt, auch mit deutscher militärischer Beteiligung in Afghanistan zum Beispiel (2001-2015), wo noch immer fast 1.000 deutsche SoldatInnen zu wie es heißt “Ausbildungsaufgaben” des afghanischen Militärs stationiert sind. Allgemein gesehen in einem weltweiten “Antiterrorkrieg“, der den extremistischen, asymmetrisch-hybriden Terror erst richtig nach Europa brachte. Fast 4.000 deutsche Soldaten und Soldatinnen sind derzeit in “Auslandseinsätzen” auf Kriegsschauplätzen und in Konfliktregionen aktiv. “Deutsche Freiheit” wird vom Baltikum über Nordafrika, Nahost, an der türkischen Südgrenze, im Nordirak bis zum Hindukusch “verteidigt”. Nur nicht mehr in dem vom Grundgesetz gemeinten defensiven Sinn von Landesverteidigung an der eigenen Grenze. “Verteidigung” wird seit der NATO-Konferenz von Warschau 2016 im Baltikum wieder als “erhöhte Vorwärtspräsenz” ausgegeben. Ein Rückfall in überwunden geglaubten Kalte Kriegs-Jargon. Oder eine eskalationsfähige Vorstufe zum Krieg? Ein deutsch geführtes NATO-Bataillon mit 6-800 beteiligten deutschen SoldatInnen steht osterweitert jenseits der Memel in Litauen und der Kaliningrader russischen Exklave. Deutsche Eurofighter patrouillieren als “litauische Luftwaffe” in gefährlicher Tuchfühlung mit Kampfjets des neuen (alten) russischen Gegners. Ein im Grunde unerhörter Vorgang und provokatives Unterlaufen bestehender Verträge (2+4) und verbindlicher Regierungszusagen westlicher Zurückhaltung aus den 1990er Jahren. Die Ostsee rückt neuerdings zunehmend wieder in den NATO-Focus als strategisch wichtiges “Randmeer” für den Zugang zum Nordatlantik, dort die russische Marine zurückzudrängen. Da ist zuerst als stärkster Seemacht die deutsche Bundesmarine mit ihren Geschwadern angefragt, die z. T. für andere internationale Einsätze
abgestellt sind. So dass hier im Zug der von Ministerin von der Leyen bis zum Jahr 2030 projektierten 130 Mrd. Euro Beschaffungsausgaben fürs Militär und der deutlichen Erhöhung des Verteidigungsetats mit Zielmarke 40 Mrd. Euro (heute ca. 35 Mrd.) bis zum Ende des Jahrzehnts mit einer erheblichen weiteren Marineaufrüstung zu rechnen ist.
Im Kapitel V über die Berliner Republik unternimmt es Wette nicht Antworten zu geben, sondern Grundlegendes hinsichtlich einer Verpflichtung zu Nie wieder Krieg! aufzuzeigen und zu erörtern. Schlüsse ziehen und Konsequenzen ergreifen müssen freilich die Antikriegs- und Friedenskräfte hierzulande. Anfang Dezember des vergangenen Jahres traf sich in Kassel mit rund 400 Teilnehmenden der bundesweite Friedensratschlag und legte nebst intensiven Beratungen in zweitä- gigen Workshops und bei Plenen Friedenspolitische Forderungen für 2017 vor. Das traditionell jedes Jahr wie ein Kurzmemorandum neu präsentierte, ständig weiter überarbeitete und ergänzte Papier gibt auf einigen Seiten detailliert Auskunft über die zentralen pazifistischen Themen, rüstungspolitische Problemkomplexe und Konfliktfelder der (Welt-)Politik und fasst die möglichen Alternativen für Lösungen ohne Gewalt, Krieg und Aufrüstung zusammen (siehe www.friedensratschlag.de). Längst kooperiert und koordiniert man sich mit dem anderen Teil der Friedensbewegung, der Vereinigung Kooperation für den Frieden, die immerhin auch bis zu 150 delegierte Aktive zu ihren jährlichen Aktionskonferenzen versammeln kann (siehe www.koop-frieden.de). Dort sind ähnliche Vorschläge präzisiert in der Publikationsreihe des Monitoring-Projekts zu brisanten Konfliktregionen zu finden. Bisher zu Nahost-Israel, Türkei-Kurden, Irak, Iran, Afghanistan, Syrien und Mali. Nichts davon findet sich wieder in deutschen außen- und sicherheitspolitischen Konzepten und Verlautbarungen. Man zieht die Beratung eigener “Think Tanks” wie der Stiftung Wissenschaft und Politik vor. Die regierende, bis leider nahezu einschließlich grüner Fraktion einig an einem pazifistischen “Volkswillen” vorbei agierende und abstimmende Militärlobby im Berliner Reichstag muss Acht geben und sich vorsehen. Denn der Frieden bleibt der Ernstfall. Das ist die zentrale Lehre! Für Krieg darf es in einer lernfähigen deutschen Bevölkerung, in der allein über drei Mio. Kriegsdienstverweigerer leben, keine Mehrheit geben!
© Elmar Klink, Bremen. Dez. 2016 / April 2017. Kontakt: Elmar.Klink [at] gmx.de.

 

Anhang: