„Frieden geht nicht ohne Konfliktbearbeitung“

AGDF/FEST

(10.03.2019) Gewaltfreie Konfliktbearbeitung ist erfolgreich. Gewaltfreies Handeln kann helfen, Spannungen und Auseinandersetzungen zu schlichten und Frieden schaffen. Doch dies spielt in der öffentlichen Wahrnehmung nur eine geringe Rolle. Beim „Heidelberger Gespräch“ von Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) und Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Frankfurt/Main wurde aber deutlich, welche großen Chancen gewaltfreies Handeln bietet.

„Frieden ist mit Gerechtigkeit untrennbar verbunden, Frieden ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Und dabei spielen zivile Konfliktlösungen, die ohne militärische Begleitung auskommen, eine wichtige Rolle. Diese in den Blick zu nehmen, das ist das Ziel dieses Heidelberger Gesprächs“, so Dr. Sarah Jäger von der FEST. Und Christine Busch, die AGDF-Vorsitzende, unterstreicht: „Es gibt eine Fülle von erfolgreichen Erfahrungen mit gewaltfreiem Handeln und in der Friedensbildung, die eine stärkere Beachtung finden müssen.“

In Frankfurt standen darum viele Beispiele gewaltfreien Handelns im Mittelpunkt. So in Mali, einem Land im Bürgerkrieg, wo Gewalt zum Alltag gehört. Hier unterstützt der christliche Friedensdienst EIRENE aus Neuwied Partnerorganisationen dabei, Konflikte gewaltfrei zu bearbeiten. „In Mali ermöglichen wir so offene Dialoge. Wir suchen nach dem Verbindenden bei Menschen mit unterschiedlichen religiösen oder politischen Anschauungen, damit sie ins Gespräch kommen und die Gewalt unterbrochen wird“, so Stefan Schneider von EIRENE. Und er machte eins deutlich: „Wichtig ist hier Vertrauen, das ist eine entscheidende Grundlage für diese Arbeit“, so Schneider. 

Genau das unterstreicht Dr. Pascal Delhom von der Europa-Universität Flensburg. „Wenn bei der Lösung von Konflikten kein Vertrauen da ist, dann gibt es Schwierigkeiten“, betonte der Philosoph in Frankfurt. In solchen Prozessen brauche es vertrauenswürdige Personen, aber auch verpflichtende Dimensionen des Vertrauens und eine gesellschaftliche Vertrauenskultur. „Unter solchen Bedingungen kann Vertrauen eine Ressource einer Konfliktbearbeitung sein“, so Delhom.

„Gewaltfreie Aktionen von zivilgesellschaftlichen Akteuren sind sogar erfolgreich unter Situationen extremer Repression und Rechtlosigkeit“, machte Dr. Wolfgang Heinrich (Bad Herrenalb) deutlich, der mehr als 30 Jahre mit lokalen Organisationen in Gesellschaften tätig war, in denen Konflikte gewaltsam ausgetragen wurden. Er verwies auf den kenianischen Distrikt Wajir, wo Frauen die treibende Kraft bei der Lösung eines Konfliktes waren. Oder auf das indische Manipur, wo nach einer Eskalation der Gewalt auch Frauen mithalfen, dass Gruppen und Nichtregierungsorganisationen aufeinander zugingen und für einen Abbau der Gewalt sorgten. Oder in Somaliland, wo wiederum auf Initiative von Frauen neue staatliche Strukturen in einem Land mit einem staatlichen Vakuum aufgebaut wurden. „Frauen und Männer haben hier eigene Anteile dran, der Fokus lag immer auf einer konkreten Problemlösung“, erläuterte Heinrich. Die Akteure seien immer fair miteinander umgegangen, niemand sei ausgegrenzt worden. „Frieden aufzubauen und zu bewahren, das ist eine Gemeinschaftsaufgabe“, unterstrich er.

Doch nicht nur politische Konflikte stehen im Blick einer gewaltfreien Konfliktbearbeitung, auch in sozialen Gruppen können erfolgreich gewaltfrei Konflikte bearbeitet werden. In Frankfurt stellte Petra Schneider, die Geschäftsführerin des Fränkischen Bildungswerkes für Friedensarbeit in Nürnberg, das „WIR-Projekt“ vor, wo in Grundschulen Konfliktgespräche eingeübt werden, wo Klassengemeinschaften entwickelt werden, in Vielfalt und ohne Ausgrenzung. Oder der Friedenskreis Halle, der im Rahmen seiner Friedensbildungsarbeit in Schulen Projekte, Seminare, Workshops und Übungen anbietet zur konstruktiven Konfliktbearbeitung, für kulturelle Vielfalt, für gelebte Demokratie und für globale Gerechtigkeit. „Friedensfähigkeit ist vermittelbar und erlernbar“, betonte Franziska Blath vom Friedenskreis Halle. Und sie ist überzeugt: „Friede geht nicht ohne Konfliktbearbeitung.“

Und welche Rolle spielen da die Religionen? Sie können Kraftquellen für diese Arbeit sein, wurde bei dem Heidelberger Gespräch deutlich. Eine Kraftquelle wäre das Alte Testament, meinte der katholische Theologe Professor Dr. Thomas Nauerth (Bielefeld). Natürlich spiele im Alten Testament auch der Mythos erlösender Gewalt eine zentrale Rolle, wobei der Gedanke an Gewalt als letztes legitimes Mittel im Blick sei. „Und dies prägt uns ja noch heute, wenn Sicherheit durch Gewalt erreicht werden soll und Frieden durch Stärke“, gab der Theologe zu bedenken. 

Doch fänden sich auch viele Beispiele einer ganz anderen Gotteserfahrung im Alten Testament, verdeutlichte Nauerth „So gibt es im Buch des Propheten Samuel viele Geschichten, wo beispielsweise eine Frau dem König David einen Weg ohne Gewalt aufzeigt. Das sind wichtige Denkanstöße mit ganz anderen Erfahrungen Gottes“, unterstreicht der katholische Theologe. Ebenso gebe es im ersten Buch der Bibel zahlreiche Visionen einer Welt ohne Gewalt. „Im Buch Genesis entsteht die Welt durch das Wort, nicht durch Gewalt. In der Geschichte der Sintflut schwört Gott am Ende der Gewalt ab. Es gibt viele solcher Beispiele“, so Nauerth: „Das Alte Testament und solche Gegengeschichten beschreiben den Traum, den dieser Gott vom Handeln der Menschen hat.“

Eine Sicht, die Ullrich Hahn (Villingen), der Präsident des deutschen Zweiges des Internationalen Versöhnungsbundes, gerne mehr von den Kirchen hören würde. „Die Kirche hat keine Gewaltmittel, aber oft genug legitimiert sie die staatliche Gewalt. Ich erwarte aber von der Kirche, dass sie diese Legitimation der Gewalt beendet. Das Tun des Gerechten beginnt mit dem Lassen des Schlechten“, so Hahn. Gewalt sei atheistisch, unvernünftig und unverantwortlich, doch sie bleibe immer auch eine Versuchung, warnte er. Stattdessen sei die Solidarität mit den Unbewaffneten wichtig. „Für welche Seite nehme ich Partei? Für die Unbewaffneten“, machte Ullrich Hahn deutlich.

Eine Kirche, die sich auf diesen Weg begeben hat, ist die badische evangelische Landeskirche, die sich 2013 dafür ausgesprochen hat, Kirche des gerechten Friedens zu werden. In Frankfurt stellten deren Friedensbeauftragter Stefan Maaß und der Heidelberger Pfarrer Dr. Vincenzo Petracca die bisherige Arbeit vor. Aber auch in anderen Regionen gibt es Bemühungen, Kirchen und auch andere Religionsgemeinschaften zu einem glaubwürdigen Friedenszeugnis zu bewegen. So beispielsweise in Kroatien, wo die Friedensgruppe RAND und die „Gläubigen für den Frieden“ einen interreligiösen Dialog initiieren mit Begegnungen in sicheren Räumen und auf die Verantwortung der Menschen hinweisen. „Wir bestreiten die Notwendigkeit der Gewalt, und machen deutlich, dass wir auch die Wahl zu gewaltfreiem Handeln haben“, erläuterte die katholische Theologin Dr. Ana Marija Raffai aus Zagreb beim Heidelberger Gespräch. Und sie machte deutlich: „Indem wir den Frieden bauen, loben wir Gott.“

Im Herbst tagt die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Dresden. Dort wird der Frieden zentrales Thema sein. „Das gewaltfreie Konfliktbearbeitung erfolgreich und nötig ist, hat unsere Tagung gezeigt. Sie ist unser Beitrag zur kommenden EKD-Synode“, machte die AGDF-Vorsitzende Christine Busch deutlich. Sie freute sich, das auch Mitglieder der Synoden der EKD und der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau an dieser Tagung teilnahmen und Eindrücke mitnahmen.
(Dieter Junker)