Von Furchtlosigkeit zu Gewaltfreiheit

AGDF

(19.10.2017) Im Jahr des Reformationsjubiläums wäre es an der Zeit, dass die Kirchen den reformatorischen Glaubensschritt tun, hin zu in Gottes Liebe gegründeter Furchtlosigkeit und damit hin zur Gewaltlosigkeit. Dies betont die Vorsitzende des europäischen ökumenischen Netzwerkes „Church and Peace“, Antje Heider-Rottwilm. Wenn Reformation die Erkenntnis bedeute, dass Gott Gnade, Liebe, Barmherzigkeit ist und alle in die Freiheit rufe, dann gelte es, das durchzubuchstabieren und durchzuhalten bis in alle Bereiche menschlichen und gesellschaftlichen Lebens, sagt die evangelische Theologin in einem Impuls der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) zum Reformationsjubiläum.

Das Thema „Fürchte Dich nicht!“ sei eng mit der Reformation verbunden. Martin Luther habe in der 14. seiner 95 Thesen betont, dass, wenn die Liebe zu Gott unvollkommen sei, so bringe dies notwendig große Furcht, erläutert Antje Heider-Rottwilm, die elf Jahre lang die Europa-Abteilung der EKD geleitet und Mitglied im Zentralausschuss der Konferenz Europäischer Kirchen war und heute dort in der Arbeitsgruppe „Frieden und Versöhnung“ mitarbeitet. So habe der Reformator noch 1522 diejenigen, die die Reformation mit Gewalt durchsetzen wollten, gewarnt: „Non vi sed verbo“ (Nicht durch Gewalt, sondern das Wort). Doch später habe er die Mächte legitimiert, die die Reformation politisch instrumentalisieren wollten und dies auch mit Gewalt taten, bedauert die Theologin.

„Demgegenüber galten die Täufer als radikal. Radikal unter anderem deswegen, weil sie mit einer baldigen Wiederkunft Christi rechneten und ihre Welt darauf ausrichten wollten. Mit Gütergemeinschaft, Gewaltlosigkeit und einer hierarchiefreien Kirche und Gesellschaft. Dafür mussten sie bitter leiden“, betont Antje Heider-Rottwilm in ihrem Impuls. „Absolut furchtlos, maßlos glücklich und immer in Schwierigkeiten“, so seien die Quäker, eine historische Friedenskirche beschrieben worden. Und über diese Tradition habe sich auch die prophetische Theologin Dorothee Sölle definiert.

Der Zuspruch „Fürchte Dich nicht!“ komme sehr häufig in der Bibel vor. „Das weist darauf hin, dass die Menschen in allen Generationen voller Furcht waren und Gott erlebten als den, der sie ermutigte, sich ihrer Furcht zu stellen. Und sie erlebten Gott als den oder die, die half, die Furcht zu überwinden“, sagt Antje Heider-Rottwilm. Sie verweist auf den am Karsamstag verstorbenen amerikanischen Friedensstifter, Schriftsteller und Polizei-Seelsorger Johann Christoph Arnold aus New York, der betont habe, dass die beste und in der Tat einzige Weise, die Angst vor dem Tod zu überwinden, die sei, das Leben so zu leben, dass seine Bedeutung nicht durch den Tod zerstört werden könne.

Die klare Konsequenz daraus für Antje Heider-Rottwilm: Falschen Mächten und Sicherheiten, und damit Gewalt als Mittel zu Schutz und Sicherheit abzusagen und Gewaltfreiheit in allen Bereichen zu leben und sich dafür einzusetzen.

Der Impuls „Von Furchtlosigkeit zu Gewaltfreiheit“ ist der zwölfte Beitrag eines von der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) am Reformationstag 2016 gestarteten Projekts „Reformation heute – Gewalt absagen und Frieden wagen“, mit dem die AGDF einen Beitrag zum Reformationsjubiläum leisten, sich kritisch mit der reformatorischen Geschichte auseinandersetzen und dabei einen Fokus auf Gewalt und Gewaltfreiheit legen will. Die Impulse, die dazu veröffentlicht werden, sollen Denkanstöße für eine weitere Diskussion sein.
(Dieter Junker)

Der Beitrag „Von Furchtlosigkeit zu Gewaltfreiheit“ von Antje Heider-Rottwilm findet sich auf der Homepage der AGDF (www.friedensdienst.de). Dort stehen auch die weiteren bereits erschienenen Beiträge dieses Reformationsprojektes der AGDF.

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Impuls: Von Furchtlosigkeit zu Gewaltfreiheit